Viel mehr als nur ein Beiwerk

Bereits zweimal war die vom Verein Aktives Museum e.V. organisierte Ausstellung „Vor die Tür gesetzt. Im Nationalsozialismus verfolgte Berliner Stadtverordnete und Magistratsmitglieder“ zu sehen: Im Herbst 2005 gastierte sie im Roten Rathaus und vom 8. Juni bis 7. Juli 2006 im Berliner Abgeordnetenhaus. Zeitgleich ist das Buch zur Ausstellung erschienen. Alle jene, die die Ausstellungen verpasst haben, können sich nun ein Bild davon machen, wie demokratisch gewählte Berliner Volksvertreter – in erster Linie von SPD und KPD, aber auch von anderen Parteien – an der Ausübung ihres Mandats gehindert wurden.

Während die Ausstellungen das Schicksal von 32 ausgewählten Personen zeigten, enthält das Buch Kurzbiografien von allen 419 Stadtverordneten und Magistratsmitgliedern, die in den Jahren von 1919 bis 1933 von den Nazis verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden. Auch diejenigen, die ins sowjetische Exil flüchteten und dort infolge stalinistischer Verfolgung ihr Leben verloren, sind aufgeführt.

Berufsverbot und Konzentrationslager
Dem Sozialdemokraten Max Kreuziger beispielsweise wurde 1933 nicht nur das Mandat als Stadtverordneter entzogen sondern auch die Berechtigung, seinen Beruf als staatlicher Lehrer weiter auszuüben. Aus politischen Gründen erhielt er sogar ein generelles Berufsverbot, durfte nicht einmal mehr als Privatlehrer arbeiten. Welches Schicksal ihn zwischen 1933 und 1944 ereilte, ist nicht bekannt. Die Biografien sind oftmals unvollständig, was diesen Zeitraum betrifft – viele waren in den Untergrund gegangen oder hatten andere Namen angenommen. 1944 wurde Kreuziger ins Konzentrationslager Sachsenhausen verbracht. Er überlebte und war nach dem Krieg in den Jahren von 1945 bis 1947 stellvertretender Bürgermeister des Bezirks Prenzlauer Berg.

Kurt Löwenstein (ebenfalls SPD) wurde 1937 mitsamt seiner Familie aus dem Deutschen Reich ausgebürgert. Er starb 1939 in Frankreich. Den seit 1922 für die SPD (davor für die USPD) in die Stadtverordnetenversammlung gewählten Julius Moses deportierten die Nazis ins Konzentrationslager Theresienstadt. Dort starb er 1942.

Vom Bürgermeister zum Widerständler
Nicht nur Sozialdemokraten litten unter dem Terror der Nazis. Seit er ab 1926 beim Preußischen Städtetag in Berlin zum Vorstandsmitglied berufen worden war, war Fritz Elsas von der „Staatspartei“ den Nazis aufgrund seiner jüdischen Religion und seiner liberalen Haltung (früheres Mitglied der DDP) ein Dorn im Auge. Der in Stuttgart–Bad Cannstatt geborene Industriellensohn, der von 1931 bis 1933 Berlins Bürgermeister war, wurde 1933 in den Ruhestand versetzt. Er schlug sich anschließend als Wirtschaftssachverständiger durch. Bereits ab 1934 gehörte er einem Widerstandszirkel an. 1937 kam er in U-Haft, wurde 1944 erneut von der Gestapo festgenommen und ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt, wo man ihn im Januar 1945 erschoss.

Wer zunächst geneigt ist zu denken, dass 419 versammelte Kurzbiografien in einem einzigen Werk doch etwas zu viel des Guten sind, wird eines Besseren belehrt. Alle Lebensläufe sind so spannend zu lesen, dass man keinen einzigen missen möchte. Sie fügen sich zu einem Puzzle zusammen, dass das Verstehen der damaligen Zeit erst möglich macht, weil und Zusammenhänge deutlich werden. Auf den ersten 130 Seiten sind zudem vier Aufsätze und Essays zu lesen, die Hintergründiges bieten, wie etwa „Die Berliner Stadtverordnetenversammlung im neuen Rathaus von 1870 bis 1933“ (von Christiane Hoss).

Der Reisepass Ernst Reuters
Nicht minder informativ ist der von Christine Fischer-Defoy verfasste Aufsatz „Mit der Gartentür schloss sich mir das Tor zur Heimat“. Ihr geht es um diejenigen Stadtverordneten und Magistratsmitglieder, die ausgebürgert wurden oder das Deutsche Reich freiwillig verlassen haben. Anhand einiger ausgewählter Personen beschreibt sie, mit welchen Gefühlen sie Deutschland zurückließen: die Tür zur Heimat schloss sich (für viele sogar für immer). So emigrierte der SPD-Abgeordnete Paul Hertz nach Prag. Dort war er dann Redakteur der Zeitschrift „Sozialistische Aktion“, bei der er, wie Christine Fischer-Defoy ihn aus seinem Entschädigungsantrag zitiert, seinen „Kampf gegen Hitler weiterführte“.

Abbildungen zahlreicher Original-Dokumente wie z.B. von Gestapo-Briefen, diversen Reisepässen (u.a. den von Ernst Reuter) und Fotos der emigrierten Berlinerinnen und Berliner machen die Geschichten authentisch.

Das Buch zur Ausstellung ist viel mehr als nur ein Beiwerk – es liefert einen eigenen und gelungenen Überblick über einen wichtigen Teil der Geschichte Berlins.

Verein Aktives Museum (Hg.), „Vor die Tür gesetzt. Im Nationalsozialismus verfolgte Berliner Stadtverordnete und Magistratsmitglieder 1933-1945“, Bezugsquelle: info@aktives-museum.de, 416 Seiten, 15 Euro, ISBN 3-00-018931-9

Holger Küppers
www.vorwaerts.de, erstellt am 23.08.2006