Es waren ihrer 419
Verfolgte Berliner Politiker – ein Standardwerk

In drei Jahren, im Jahr 2009, kann Berlin auf zweihundert Jahre Selbstverwaltung zurückblicken. Dies wird also noch in der Legislaturperiode der am vergangenen Sonntag gewählten Stadtverordneten und Herren und Damen im Roten Rathaus sein. Werden sie neben ihren wichtigen Amtsgeschäften Zeit für eine historisch-kritischen Rückschau auf bzw. Würdigung von bis heute leider noch unterbelichteter Geschichte der urbanen Legislative finden? Jedenfalls sollten sie eine vor Kurzem erschienene Publikation zur Kenntnis nehmen, die sich dem Schicksal von Berliner Magistratsmitgliedern und Stadtverordneten widmet, die in der Zeit der Weimarer Republik tätig gewesen waren und im NS-Regime unter Repressalien zu leiden hatten. Erarbeitet wurde diese als Begleitband zu der vom »Verein Aktives Museum« gestalteten Ausstellung »Vor die Tür gesetzt«. Doch in ihrer Gewichtigkeit weist sie weit über den aktuellen Anlass hinaus. Mit ihr liegt jetzt ein solides Nachschlage-, ja Standardwerk vor.

Als Basis konnte eine Vorarbeit dienen, die an der Freien Universität von Berlin geleistet worden ist zur Aufhellung der Verfolgung Berliner Stadtverordneter und Magistratsmitglieder im NS-Regime. 300 Einzelschicksale konnten damals aufgeklärt und 1989 als »Drucksache des Abgeordnetenhauses« veröffentlicht werden. Durch die Zusammenführung der Ost- und Westberliner Archive ab 1991 gelang es, Lücken zu schließen. Im Ergebnis lässt sich nun feststellen, dass von den tausend auflistbaren Stadtverordneten und Magistratsmitgliedern zwischen Februar 1919 und März 1933 etwa 850 zur Zeit des Machtantritts der Nazis noch lebten. 419 von ihnen hatten in der einen oder anderen Weise unter Verfolgung zu leiden: aggressive Bedrängung und Drohung, Ehrabschneidung, Diffamierung, Einkommensverlust und sozialer Abstieg bis hin zur Vertreibung ins Exil, Inhaftierung und Ermordung. Der Kreis der Betroffenen ist weit gezogen. Dazu werden sogar vier weibliche Abgeordnete der Deutsch-Nationalen gezählt, die im Oktober 1933 nur wegen des primitiven Frauenbilds aus der Stadtverordnetenversammlung ausgeschlossen wurden. Die männlichen Vertreter der DNVP in der SSV wurden der NSDAP-Fraktion angeschlossen. Dass deren ausgeschlossene weibliche Kollegen, die bis dahin jede NS-Schweinerei per Abstimmung mitgetragen hatten, in dieser Publikation als »Verfolgte« kategorisiert werden, ist diskutabel. Anders sieht es da schon bei jenen deutsch-nationalen Magistratsmitgliedern aus, die 1935 aus ihrem Amt entfernt wurden, weil sie sich weigerten, der NSDAP beizutreten. Aber unter den 49 ermordeten bzw. den Freitod wählenden Stadtvätern und -müttern sowie unter den insgesamt 61 Emigrierten findet sich kein einziger DNVP-Vertreter. Zahlreich hier sind hingegen die Repräsentanten linker Parteien, neben einigen bürgerlichen Kommunalpolitikern, denen der Rassenwahn der Nazis zum Verhängnis wurde.

Es spricht für die Seriosität des Werkes, dass im Anhang weitere 90 Namen von Personen aufgelistet sind, von denen vermutet wird, dass auch sie Repressalien erlitten, was jedoch bislang auf Grund fehlender oder lückenhafter Akten nicht eindeutig nachgewiesen werden kann.

Die vorgestellten 419 Biografien geben einen tiefen Einblick in viele tragische, dramatische Schicksale. Vergessen sind hier auch nicht die sieben KPD-Vertreter, die in die UdSSR emigrierten und dort Opfer stalinistischer Säuberungen wurden, und jene Emigrierten, die der faschistischen Wehrmacht bei deren Überfällen auf die Nachbarstaaten in die Klauen gerieten.

Erstaunlich viele Biografien verfolgter Sozialdemokraten widersprechen dem Stereotyp von der »Zwangsvereinigung« von KPD und SPD, wenn auch deren Mitgliedschaft in der Einheitspartei SED teils nur zeitweilig war.

Vier Aufsätze erhellen das historische Umfeld: Christiane Hoss offeriert eine Chronik des Wirkens der Stadtverordnetenversammlung in den Jahren 1870 bis 1933 sowie eine Betrachtung zu Herkunft und Karriere Berliner Stadtverordneter. Während letztgenannter Aufsatz eine wichtige soziologische Analyse bietet, erscheint ersterer als willkürliche Auswahl von Daten, die mit Behagen auflistet, wann KPD- und NSDAP-Fraktion gemeinsam stimmten, aber ebenfalls vorkommendes gemeinsames Abstimmungsverhalten bürgerlicher Fraktionen mit der NSDAP vornehm übergeht und zudem im Dunkeln lässt, warum die ersten Wahlen zur SVV von Groß-Berlin wiederholt werden mussten. Der Grund: SPD und USPD hatten in den sechs Wahlkreisen Alt-Berlins Wahlfälschung betrieben!

Andreas Herbst geht verdienstvollerweise den infam verästelten Methoden der Verfolgung im Einzelnen nach, und Christine Fischer-Defoy widmet sich akribisch diversen Wegen in der Emigration. Beide Autoren verdeutlichen, dass viele der Überlebenden, ungeachtet Alter und Gesundheit, sich ab Mai 1945 wieder der kommunalen Arbeit zur Verfügung stellten. In der 1946 erstmals wieder seit 1929 frei gewählten SVV saßen nicht weniger als 50 von jenen.

Eine kleine kritische Anfrage sei noch erlaubt: Warum wurde in dem beigefügten Glossar nicht die Abkürzung SAP entschlüsselt, die jüngeren Lesern sicher nichts sagen wird. Es handelt sich um die Sozialistische Arbeiterpartei, eine linke Abspaltung von der SPD.

Vor die Tür gesetzt. Im Nationalsozialismus verfolgte Berliner Stadtverordnete und Magistratsmitglieder. Geleitwort Walter Momper. Hg. v. Verein Aktives Museum, Berlin 2006. 416 S., br., 15 EUR; zu beziehen über den Verein, Stauffenbergstr. 13/14, 10785 Berlin

Kurt Wernicke
Neus Deutschland, 21.09.06 | Politisches Buch