Aus allen Ämtern gejagt

Eine Ausstellung im Roten Rathaus erinnert an das Schicksal von Stadtverordneten während der NS-Zeit

Marlies Emmerich

Eines Morgens in aller Frühe stand Manfred Adler vor der Tür von Christine Fischer-Defoy. Der 86-Jährige war extra aus Meran angereist, um zu sehen, wer sich für die Geschichte seines Vaters, Leonhard Adler, interessiert. Fischer-Defoy ist die Vorsitzende des Vereins Aktives Museum. Für sie und ihre Mitstreiter sind solche Erlebnisse Ansporn nicht nachzulassen, über Verfolgung und Widerstand im NS-Regime zu forschen. Ergebnisse ihrer Arbeit sind derzeit in einer einzigartigen Ausstellung im Roten Rathaus zu sehen. In seiner Eröffnungsrede erinnerte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) an den 13. März 1933. An jenem Tag wurden die Rathäuser in den Bezirken von den Nazis besetzt und Stadträte gezwungen, ihre Ämter niederzulegen.

Es sind 389 Berliner Politiker, die mit Beginn der Terrorherrschaft verfolgt wurden. 53 kamen aus bürgerlichen Parteien, 336 von SPD und KPD. "Die nicht besetzten Stühle in der Ausstellung symbolisieren die Leere, die diese Menschen hinterlassen haben", sagte Wowereit. Jeder dritte Angestellte und jeder zehnte Arbeiter sei damals aus politischen Gründen entlassen worden.

So auch Leonhard Adler. Als Jude in Italien geboren, trat Adler zunächst zum Protestantismus über und wurde schließlich Katholik. Von dem ersten katholischen Verkehrsbaustadtrat in Berlin wird der Satz zitiert: "Wenn man einem Katholiken in Köpenick auf den Fuß tritt, schreit der Adler im Magistrat." Mit dem legendären SPD-Politiker Ernst Reuter war Adler verantwortlich für die Gründung des Flughafens Tempelhof und die BVG. Nach seiner Emigration 1936 arbeitete er bei Fiat und Alfa Romeo und war bis 1953 Verkehrstadtrat in Mailand. Nach seiner Pensionierung ging Adler dort ins Kloster. Archivar Pater Abele hat dem Aktiven Museum Papiere und Schriftstücke Adlers zur Verfügung gestellt.

Längst nicht alle Politiker hatten solches Glück wie Adler, der den Naziterror überlebte. Fritz Elsas, ein überzeugter Demokrat und seit 1931 Bürgermeister von Berlin, wurde zunächst zwangsbeurlaubt und im September 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft in den Ruhestand versetzt. Elsas war von den Verschwörern des 20. Juli 1944 als Leiter der Reichskanzlei der neuen Regierung vorgesehen. Doch Nachbarn denunzierten ihn. Elsas wurde im Januar 1945 im KZ Sachsenhausen ermordet. Seine in den USA lebende Schwiegertochter hat für das Ausstellungsprojekt im Familienbesitz befindliche Unterlagen und Fotos zur Verfügung gestellt.

Es war ein langer Weg, bis diese Ausstellung gezeigt werden konnte. Vor zwanzig Jahren haben einige Historiker und Politologen begonnen, das Schicksal von ermordeten und verfolgten Berliner Stadtverordneten zu recherchieren. 1989 landeten die zusammengestellten 300 Biografien nur als eine Drucksache im Abgeordnetenhaus von West-Berlin. Erst nach 1990 konnten mit Materialien aus den Archiven der DDR und West-Berlins wesentliche Forschungslücken geschlossen worden. Schließlich arbeitete eine kleine Gruppe in den letzten zwei Jahren weiter an dem Projekt - mit Hilfe von Lottomitteln. Im nächsten Frühjahr soll die Ausstellung im Abgeordnetenhaus gezeigt werden. Außerdem plant der Verein Aktives Museum ein umfangreiches Gedenkbuch.

Berliner Zeitung 4.10.2005