Einst saßen Menschen auf den Stühlen

Ausstellung im Roten Rathaus über die 1933 bis 1945 verfolgten Stadtverordneten

Von Ina Beyer

»Vor die Tür gesetzt« ist der Titel einer Ausstellung im Roten Rathaus, die den insgesamt 389 im Nationalsozialismus 1933 bis 1945 verfolgten und ermordeten Berliner Stadtverordneten und Magistratsmitgliedern gewidmet ist.
Dokumentiert werden anhand von 32 ausgewählten Biographien mit Fotos, persönlichen Zeugnissen und Dokumenten die Lebenswege kommunaler Politiker, die aus verschiedenen Gründen ins Exil gingen, verfolgt oder ermordet wurden.
Auf weißen Stühlen im Wappensaal und im Treppenhaus davor sind ihre Biographien angebracht – die Stühle symbolisieren das Fehlen der Menschen, die einst auf ihnen saßen. Die Oberfläche eines ebenfalls weißen Tisches zeigt die Geschichte des Rathauses und des Stadtparlaments. Besucher erhalten so exemplarisch einen Einblick in die systematische Zerstörung der demokratischen Organe durch die Nazis.
Neben den Biographien bekannter Kommunalpolitiker wie Ernst Reuter, Kurt Löwenstein oder Fritz Lange findet man Informationen zu interessanten Persönlichkeiten wie beispielsweise Hilde Radusch. In den 20er Jahren war sie unter anderem in der Leitung des Roten Frauen- und Mädchenbundes aktiv. Von 1929 bis 1932 engagierte sie sich als Stadtverordnete und Bezirksverordnete in Mitte für die KPD. Während der NSZeit durch ihre Homosexualität ständigen Bedrohungen ausgesetzt, führte sie mit ihrer Partnerin ein zurückgezogenes, unauffälliges Leben. Wie bei vielen anderen Abgeordneten, die den Naziterror überlebten, hielt ihr politisches Engagement lebenslang an. In den 70er Jahren war sie in der Frauenbewegung aktiv und war Mitbegründerin der L74, einer Gruppe für ältere Lesben.
Konzipiert wurde die Ausstellung anlässlich des 60. Jahrestages des Kriegsendes vom Verein Aktives Museum e.V. im Auftrag von Senat und Abgeordnetenhaus. Neben den Biographien steht Besuchern eine Datenbank für Recherchen zur Verfügung. Sie verbleibt nach Ausstellungsende im Rathaus und soll fortlaufend aktualisiert werden.
Die mit Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin finanzierte Ausstellung ist ab heute bis Ende November der Öffentlichkeit zugänglich. Zahlreiche Begleitveranstaltungen sind geplant. Im Juni 2006 wird die Ausstellung im Abgeordnetenhaus gezeigt. Bis dahin ist das Erscheinen eines Gedenkbuches mit allen bisher ermittelten Biographien verfolgter Stadtverordneter geplant.

»Vor die Tür gesetzt«, bis 30.11., Mo-Fr 9-18 Uhr; Rotes Rathaus, Rathausstraße 15, Mitte, Eintritt frei

ND, Dienstag, 4. Oktober 2005

 

Warum so spätes Gedenken?
Andreas Herbst über die Erinnerung an verfolgte Abgeordnete

ND: 1985 hat das Westberliner Abgeordnetenhaus beschlossen, im Rathaus Schöneberg eine Erinnerungstafel für die in der NS-Zeit ermordeten Parlamentarier anzubringen. Warum erst so spät?

Das hat mit der seinerzeit vorherrschenden Erinnerungs- und Gedenkkultur und mit der Geschichte dieser geteilten Stadt zu tun. 40 Jahre nach Kriegsende und Befreiung war es die Alternative Liste, die im Mai 1985 den Antrag einbrachte, der zwischen 1933 und 1945 verfolgten und ermordeten Stadtverordneten Berlins zu gedenken. Eine Arbeitsgruppe der FU Berlin führte erste Recherchen durch und legte 1988 einen vorläufigen Schlussbericht vor, der vom Aktiven Museum für weiterführende Forschungen genutzt wurde.

ND: Ab 30. September wird erstmals im Roten Rathaus eine Ausstellung über in der NS-Zeit verfolgte Stadtverordnete eröffnet. Wie viele wurden damals umgebracht?

Nach jetziger Kenntnis über 50 Männer und Frauen. Eines der ersten Opfer war Hermann Scheffler, Kommunist aus Wedding, der am 18. September 1933 verhaftet und so grausam misshandelt wurde, dass er am Tag darauf starb. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sieben Stadtverordnete, die in die Sowjetunion emigrierten, dort verhaftet und erschossen wurden.

ND: Kann eine Ausstellung aller gerecht und würdig erinnern?

In der Tat ist das sehr schwer. Wir haben dennoch 32 Personen ausgewählt, Prominente wie nicht Prominente, Frauen und Männer, Kommunisten, Sozialdemokraten, Liberale und Zentrumsleute.

ND: Beispielsweise?

Bürgermeister Fritz Elsas (DDP), ein späterer Verschwörer des 20. Juli 1944, Anfang Januar 1945 in Sachsenhausen erschossen, die Arbeiterin Marie Heisig (KPD), Dompropst Bernhard Lichtenberg, Baustadtrat Leonhard Adler, die in Theresienstadt umgekommene Ärztin Martha Wygodzinski (SPD) und der Direktor des Strandbades Wannsee, Herman Clajus (SPD), der sich schon vor 1933 den Nazis entgegenstellte und sich im März 1933 das Leben nahm.

ND: Wie schlüsselt sich die Opferzahl auf die Parteien auf?

Unter rein rechnerischen Gesichtspunkten sind die 32 Frauen und Männer nicht repräsentativ. Den 43 Verfolgten aus den bürgerlichen Parteien stehen 335 aus den Linksparteien gegenüber. Wir haben unterschiedliche Verfolgungskriterien berücksichtigt und den weiblichen Abgeordneten breiteren Raum gegeben, weil gerade ihre Schicksale uns besonders berührten.

ND: Wie lange hat die Stadtverordnetenversammlung noch nach Hitlers Machtantritt existiert?

Die letzte reguläre Sitzung fand am 27. Juni 1933 statt. Da befanden sich zahlreiche KPD-Stadtverordnete schon im KZ. Mit dem SPD-Verbot am 22. Juni 1933 wurden auch die meisten SPDStadtverordneten verhaftet. ND Gab es in der DDR vergleichsweise Bemühungen der Erinnerung an diese Parlamentarier?

In den 80er Jahren gab es am Eingang des Roten Rathauses eine Gedenktafel, die an die verfolgten Stadtverordneten während der NSZeit erinnerte. Diese wurde dann abgenommen und 1997 bzw. 2001 im Innern des Rathauses durch eine neue, namentliche Gedenktafel ersetzt. Die DDR hat seinerzeit den West-Berliner Historikern, die an diesem Projekt arbeiteten, die Nutzung einiger Archive gestattet.

Fragen: Karlen Vesper

Hinweise und Ergänzungen nimmt das Aktive Museum gern entgegen; info@aktives-museum.de.

Mittwoch, 28. September 2005

 

Aufsehen im Roten Rathaus
Viele spontane Besucher in der Ausstellung "Vor die Tür gesetzt"

Gerade ist eine Schulklasse im Roten Rathaus. Nach einer laut bejubelten Zauber- und Verkleidungsvorstellung sehen sich die Zehnjährigen die Ausstellung "Vor die Tür gesetzt" an. Die Macher der Dokumentation stellen die Schicksale von 32 Berlin Stadtverordneten und Magistratsmitgliedern während der Nazi-Zeit vor.
In den Berliner Medien vermisst der "Verein Aktives Museum" ein großes Echo auf die in der Bundesrepublik wohl einzigartige Zusammenstellung. Viele Besucher des Roten Rathauses würden sich aber spontan in die Ausstellung begeben und sich mit dem Dargestellten beschäftigen. Das bestätigt auch eine Besucherin aus Hannover. Sie werde den Oberbürgermeister ihrer Stadt das Berliner Beispiel zum Nachahmen empfehlen.
Zwei Söhne verfolgter Stadtverordneter berichteten im Rathaus über das Schicksal ihrer Väter. Karl-Heinz Clajus war noch Kind, als er am 18. März 1933 zum Freibad Wannsee lief. Dort arbeitete sein Vater, der Kommunist Hermann Clajus, als geschäftsführender Direktor. Da Clajus von seiner Absetzung als Direktor und möglicher Verhaftung erfuhr, erschoss er sich in seinem Büro im Strandbad. Als sein Sohn an diesem Tag vor dem Tor erschien, wurde er von der SA nicht eingelassen. Er solle sich nie wieder im Bad sehen lassen. Mutter und Sohn überlebten mit karger Rente die Nazi-Zeit.
Eduard Alexander war ebenfalls Stadtverordneter für die KPD. Einige Jahre während der Nazi-Zeit schützte ihn die Arbeit bei der sowjetischen Handelsvertretung in Berlin, erzählte Sohn Professor Dr. Karl-Friedrich Alexander. Nach dem gescheiterten Umsturz am 20. Juli wurde auch Eduard Alexander verhaftet. Am 1. März 1945 verstarb er auf dem Transport vom KZ Sachsenhausen nach Bergen-Belsen. Der Sohn lobte, dass mit der Ausstellung auch das Andenken an seinen Vater bewahrt wird.

Wolfgang Rex, Neues Deutschland, 27.10.2005

Anmerkung:
Hermann Clajus war SPD-Mitglied.