Ausstellung
"Vor die Tür gesetzt"
Erinnerung an Berliner Kommunalpolitiker 1933-1945

Mit einem überdimensionalen weißen Stuhl vor dem Berliner Roten Rathaus werden Passanten auf eine gleichnamige Ausstellung im Gebäude verwiesen. Sie erinnert an Berliner Stadtverordnete und Magistratsmitglieder, die zwischen 1933 und 1945 verfolgt wurden. Gestaltet wurde sie im Kontext der Gedenkveranstaltungen zur 60. Wiederkehr der Befreiung Deutschlands von der Hitler-Tyrannei vom "Verein Aktives Museum". Dieser widmet sich seit mehr als zwei Jahrzehnten besonders der Geschichte der Verfolgung, des Widerstands, der Emigration von Gegnern des Naziregimes.
Auf 32 Stühlen im 1. Stock des Rathauses werden 32 Lebensschicksale wieder lebendig. Über 350 Biografien wurden erforscht. Erstaunlich viele Dokumente, sehr persönliche, amtliche, scheinbar nebensächliche, vermitteln, was es bedeutete, ab 1933 wegen Zugehörigkeit zu einer demokratischen Partei, einer bestimmten Konfession, einer Weltanschauung vom überall gegenwärtigen, wenngleich nicht oft sichtbaren Netz der braun, schwarz und oft auch ganz zivil gekleideten Häscher, Spitzel, Jäger erfasst worden zu sein. Bei der Eröffnung verwies die Vorsitzende des Vereins, Christine Fischer-Defoy, auf die Qual der Auswahl, gibt es doch inzwischen gesicherte Daten über mehr als 350 in Magistrat und der Stadtverordnetenversammlung tätig Gewesenen. Viele wurden ab 1933 entlassen, verfolgt, in KZs verschleppt, in die Emigration getrieben, fünf auch ermordet. Doch von diesem Kreis konnte nur eine kleine Gruppe portraitiert werden, weshalb die Ausgewählten aus rein rechnerischen Gründen auch nicht repräsentativ sind. 43 Verfolgten aus dem bürgerlichen Lager stehen 335 aus den Linksparteien gegenüber. Dazu Frau Fischer-Defoy: "Wir haben uns deshalb entschieden, Biografien auszuwählen, die uns besonders spannend und oft auch ungewöhnlich erschienen – aber wir haben auch den Typ des "Parteisoldaten" aufgenommen und weiblichen Abgeordneten breiten Raum gegeben, weil es in der damaligen Zeit noch mehr als heute bedeutete, als Frau in die Politik einzusteigen und weil ihre Schicksale uns besonders berührten." Letztere sind auch mit zehn Lebensläufen präsent. Drei von 32 seien hier in knappster Form skizziert.
Käte Frankenthal, 1889 in Kiel als Jüdin geboren. Später Ärztin, Mitglied der SPD, arbeitete in Berlin als Gesundheitspolitikerin, plädierte schon in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts für die Abschaffung des Abtreibungsparagrafen 218, bald nach der Machtübernahme der Nazis Rauswurf aus ihrer Stellung als Stadtärztin in Neukölln. Flucht über mehrere Länder in die USA, dort 1976 verstorben.
Paul Scholze wurde nur 52 Jahre alt. Als Metallarbeiter kämpfte er an der Seite Karl Liebknechts in der Novemberrevolution und war Mitbegründer der Internationalen Arbeiterhilfe, 1933 emigrierte er nach Paris und wurde enger Mitarbeiter Willi Münzenbergs. Nach seiner Übersiedlung in die Sowjetunion geriet er in die stalinistischen Säuberungen und wurde 1938 erschossen.
Der spätere Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg, geboren 1875, vertrat in der Stadtverordnetenversammlung die Zentrumspartei. Seinem Gewissen folgend setzte er sich unerschrocken für die Opfer der Gewaltherrschaft ein. Er starb in nazistischer Haft.
Wenn etwas an dieser sehr guten, viele neue Erkenntnisse über die schrecklichen zwölf Jahre vermittelnden Ausstellung nicht stimmt, dann der etwas verharmlosende Titel. Denn fast alle darin Porträtierten wurden nicht nur "vor die Tür gesetzt".

Alfred Fleischhacker
antifa Beilage November/Dezember 2005, S. 15