Was machen wir heute? An große Berliner erinnern.
Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Sie nannten ihn Onkel Hermann, er war morgens der Erste und abends der Letzte in seiner Arbeit, und er setzte sich selbst ein Denkmal – das Strandbad Wannsee. Hermann Clajus war seit 1926 Direktor in Berlins bekanntestem Freibad, außerdem war er seit 1923 für die SPD Stadtverordneter. Seit 1930 widersetzte er sich Krawallen der politischen Gegner, die in Europas größtem Binnenseebad gegen angeblichen Sittenverfall und Unmoral zu Felde zogen – und Hermann Clajus aus dem Amt ekeln wollten. Nachdem er Mitte März 1933 erfahren hatte, dass er abgesetzt und wohl verhaftet werden sollte, erschoss sich der 52-Jährige. „Es ist unendlich schwer, diesem einfachen Mann aus dem Volke, der den Berlinern so viel Licht und Sonne gegeben hatte, einen Nachruf zu widmen“, schriebe die Vossische Zeitung. Eine Ausstellung voller Nachrufe brachte uns jetzt auch auf die Spur von Hermann Clajus. Seine Geschichte und die der 31 anderen verfemten, verfolgen und oft in den Tod getriebenen Volksvertreter wird zurzeit im Abgeordnetenhaus in der Niederkirchnerstraße 5 gezeigt. Die Ausstellung dokumentiert zugleich ein dramatisches Kapitel Berliner Parlamentsgeschichte. Auch auf kommunalpolitischer Ebene hatten die Nazis nach ihrer Machtergreifung zum großen Schlag gegen die Demokratie ausgeholt, „für viele der Stadtverordneten und Magistratsmitglieder begann ein jahrelanger Leidensweg, eine Zeit gnadenloser Drangsalierung, die oft erst mit dem Tode endete“, schreibt Walter Momper in dem Denk-Buch zur Ausstellung. Da kann man all die Geschichten über Leute lesen, die sich der Gleichschaltung widersetzten, eine ebenso spannende wie traurige Lektüre. Als am 27. Juni 1933 die letzte reguläre Sitzung der Stadtverordneten stattfand, saßen viele Parlamentarier von SPD oder KPD schon im Gefängnis oder KZ. In dem Saal, wo einst die KPD gegründet wurde, erfährt man ihre Geschichten.

Lothar Heinke
Der Tagesspiegel, 23.Juni 2006

Anmerkung: Im heutigen Festsaal des Abgeordnetenhauses, damals Plenarsaal des preußischen Landtags, wurde um die Jahreswende 1918/19 die KPD gegründet.