Buchtipp – Verfolgung
Vor die Tür gesetzt
Zweimal gab es die vom Verein Aktives Museum e.V. zusammengestellte Ausstellung „Vor die Tür gesetzt – Im Nationalsozialismus verfolgte Berliner Stadtverordnete und Magistratsmitglieder“ zu sehen: Im Herbst 2005 im Roten Rathaus und im Frühjahr/Sommer 2006 im Abgeordneten-haus von Berlin. 32 ausgewählte Schicksale wurden dort präsentiert. Aber es waren viel mehr, die in unterschiedlicher Weise während des Nationalsozialismus verfolgt waren.

Jetzt gibt es das Buch, den Katalog zur Ausstellung, mit Kurzbiografien all derer, die „nach festgelegten Kriterien als verfolgt anzusehen sind“. Der bei der Festlegung gefundene „kleinste gemeinsame Nenner“ war „der Verlust des Mandates und der Entzug der Wirkungsmöglichkeiten in einem demokratisch gewählten Parlament“. Drin werden über 400 einstige Stadtverordnete und Magistratsmitglieder vorgestellt.

E s ist mit 416 Seiten ein umfangreiches Werk geworden, vor allem aber ein außerordentlich informatives, hilfreiches und wichtiges Lesebuch und Nachschlagewerk. Die Kapitel über die „Geschichte der Stadtverordnetenversammlung im neuen Rathaus 1870-1933“ und über die „geografische und soziale Herkunft, Berufsstrukturen und Karrieren“ sind sehr aufschlussreich und wichtige Ergänzungen.

Das zusammenfassende Kapitel „Zur Verfolgung Berliner Stadtverordneter und Magistratsmitglieder in der Zeit des Nationalsozialismus“ zeigt durch die Auswahl und Zusammenstellung der Schicksale und Dokumente das ganze Spektrum der meist sehr bitteren Erfahrungen, die in Deutschland und im Exil gemacht wurden. Das wird in besonderer Weise noch einmal verdeutlicht in den Abschnitten „Erneut im Netz des Deutschen Reiches“ und „Verfolgt in der Sowjetunion“. Den größten Teil des Buches nehmen die Kurzbiografien ein, gefolgt von den Namen der Stadtverordneten und Magistratsmitglieder, „deren Verfolgung wahrscheinlich, aber nicht belegt ist.“

61 der Stadtverordneten sind emigriert, davon etwa die Hälfte bereits 1933. „Die Stimmung war verzweifelt“ wird Käte Frankenthal zitiert. „Am meisten litten die Sozialdemokraten. Sie hatten von den früheren Sozialistenverfolgungen gehört wie etwa vom 30-jährigen Krieg.“ Die Verzweiflung steigerte sich angesichts zunehmender Ausbürgerungen, Ausweisungen aus Zufluchtsländern und fehlenden Verdienstmöglichkeiten, zumal bei den Älteren. Aber auch die ganz Jungen trieb die Perspektivlosigkeit in den Tod. Rudolf Perl (KPD) nahm sich an der bereits fünften Exilstation Anfang 1934 in Barcelona mit nur 26 _ Jahren das Leben.

Ein Satz im Vorwort über die Auswahlkriterien fiel mir auf (S. 10): „Dass dieser Verlust des Mandats beispielsweise auch ... SPD-Abgeordnete (traf), die nach dem Verbot ihrer Partei in die NSDAP eintraten, kann in diesem Zusammenhang kein Ausschlusskriterium sein.“ Ich fand ganze zwei, auf die das zutrifft. Der eine, Heinrich Schäfer, trat „nachdem ... einige Haussuchungen bei ihm stattfanden“ 1937 in die Nazi-Partei ein, „was er später damit begründete, dass er sich und seine Familie vor weiteren Verfolgungen habe schützen wollen.“ Der andere, Hermann Lempert, Stadtarchitekt, im März 1933 beurlaubt, im August entlassen, Ruhegehalt gekürzt, arbeitslos, trat der NSDAP am 1.12.1939 bei. Wer will hier den Stab brechen, weil jemand aus Angst oder Not schwach geworden ist? Ich nicht.

Das Buch besticht neben den Inhalten auch durch ein sorgfältiges Lektorat. So habe ich nur wenige Anmerkungen, die ich loswerden möchte. Johannes Stelling (S.94), in der „Köpenicker Blutwoche“ im Juni 1933 ermordet, war Ministerpräsident von Mecklenburg-Schwerin (und nicht Mecklenburg). Bei der Schilderung des „Emergency Rescue Committee“ (S.122 f.) hätte Varian Fry eine namentliche Erwähnung verdient, an den eine Straße am Potsdamer Platz und zwei „Gedenkorte“ an den dortigen Haltestellen erinnern. Auf S. 389 wird Julius Moses als „wahrscheinlich“ verfolgter Stadtverordneter erwähnt. Es dürfte sich aber um denselben handeln, dessen bereits in der Kurzbiografie auf S. 292 gedacht wird. Max Urich wurde natürlich nicht „als Kreisvorsitzender in die BVV Wedding gewählt“, sondern über die Wahlliste der SPD (S.365). Bei Herbert Wollstein (ds.379f.) wird aus dem Kontext nicht deutlich, dass er das vierte Kind von Röschen Wollstein war. Er war nach 1945 bis zu seinem Tode in der SPD Zehlendorf und der Abteilung Fischtal aktiv. Als Fazit bleibt: Dieses Buch ist ein Gewinn.

Holger Hübner
Berliner Stimme, 8.7.2006

Das Buch ist in der Ausstellung oder beim Verein Aktives Museum erhältlich. Schutzgebühr EUR 15,- bei Versand zuzüglich Verpackung und Porto. Bestellen: info@aktives-museum.de

Anmerkung: Der Kaufmann Julius Moses, USPD, rückte am 12.5.1920 in die (Alt)-Berliner Stadtverordnetenversammlung nach. Er war 1919 nicht gewählt worden, stand aber auf der „Liste der Ersatzmänner“ An der in dieser Liste angegebenen Adresse befand sich das Weiß- und Wollwarengeschäft von Hulda Spitz und Julius Moses, die lt. den Angaben des Adressbuchs später heirateten. Ihr weiteres Schicksal war nicht zu ermitteln, weil bei Nachrückern das Geburtsdatum nicht angegeben wurde.