Verfolgt und ermordet
Was die Nazis Berliner Politikern antaten

„Vor die Tür gesetzt“ – und nicht nur das, sondern in vielen Fällen auch ermordet wurden nach Hitlers Machtantritt 419 demokratische und kommunistische Berliner Stadtverordnete und Magistratsmitglieder. Eine vor 20 Jahren an der Freien Universität Berlin begonnene Recherche ihrer Lebensläufe und Schicksale hat nun der „Verein Aktives Museum“ mit einer Ausstellung und einem gut gemachten Begleitband abgeschlossen. Damit schließt sich eine Lücke nicht nur in der Stadtgeschichte, sondern ebenso in der Dokumentation der NS-„Machtergreifung“, die nach dem Reichstagsbrand handstreichartig die „Machtübertragung“ des 30. Januar 1933 zu einer gleichgeschalteten Diktatur ausbaute.
Etwa 1000 Lokalpolitiker vertraten die Bürger Berlins (ab 1920 Groß-Berlins) zwischen 1919 und 1933. Darunter sind neben vielen „Parteisoldaten“ auch bekannte Namen wie der als Widerstandskämpfer hingerichtete Bürgermeister Fritz Elsas (Deutsche Staatspartei) und der selig gesprochene Prälat Bernhard Lichtenberg (Zentrum), der sein Leben verlor, weil er in der Hedwigskathedrale für Juden gebetet hatte. Die meisten Verfolgten und 21 der 49 Umgekommenen waren jedoch Kommunisten. Sieben von ihnen trafen ihren Henker in der Sowjetunion, wohin sie vor den Nazis geflohen waren. Und nicht in jedem Falle endete die Verfolgung 1945. Den von den Nazis gefolterten KPD-Verordneten Hermann Grothe schloss die SED 1951 aus und erklärte ihn zum „Parteifeind“, weil er gesagt hatte, Lenins engster Mitarbeiter sei Trotzki gewesen, nicht Stalin.
Überlebensgroße schiefe Holzstühle prägten als Trägerelement für die Kurzbiografien die eindrücklich gestaltete Ausstellung „Vor die Tür gesetzt“, die 2005 im Berliner Rathaus, 2006 im Abgeordnetenhaus zu sehen war. Der Begleitband hebt die mit großem Fleiß von einer Arbeitsgruppe erforschten Lebensgeschichten für die Zukunft auf und dokumentiert außerdem mit Aufsätzen, Zeittafeln, Tabellen und Grafiken lebendig und lesbar das kommunalpolitische Berliner Leben in der ersten deutschen Demokratie.

Verein Aktives Museum: Vor die Tür gesetzt. Im Nationalsozialismus verfolgte Berliner Stadtverordnete und Magistratsmitglieder. 416 Seiten, 15 Euro (zu beziehen über den Verein).

Ekkehard Klausa
Der Tagesspiegel, 31.07.2006